AKTUELL

Für Interessierte und Freunde der schwäbischen Mundart

Zum 100. Todestag von August Holder

Im Sommer des Jahres 1918 lesen wir im Zaberboten folgende Nachricht: „Brackenheim, 19.Juni. Aus Kirchheim a.N. erhalten wir die traurige Nachricht, daß Herr Hauptlehrer a.D. Holder nach längerer Krankheit gestorben ist. Mit ihm ist eine der bekanntesten und meist genannten Persönlichkeiten der Gegend aus dem Leben geschieden, ein Mann, der sich um das Zabergäu bedeutende Verdienste erworben hat. Seit der Neugründung des Zabergäu-Vereins im Jahr 1899 stand er im Vordergrunde des Vereins, war er eine der treibenden Kräfte. In gemeinsamer Arbeit mit den Herren Pfarrer Lörcher, Schultheiß Wellner, Oberlehrer Sommer und vielen, vielen andern für die schöne, teure Heimat begeisterten Männern hat er unermüdlich für den Verein gewirkt. Nach Tausenden zählen die Artikel, durch die er Interesse und Verständnis für die Bestrebungen zur Scholle zu wecken und zu fördern suchte. Sein Schaffen war mit schönem Erfolg gekrönt. Im ganzen Lande erfreute sich der ZGV hohen Ansehens, besaß Holders Name Klang. ...“ .
Holder hatte an der Vereinszeitschrift noch bis zum Jahr 1917 wacker gearbeitet. In diesem Jahr war das letzte Vierteljahresheft des Zabergäuvereins unter seiner Herausgeberschaft erschienen - die sich verschlimmernde wirtschaftliche Situation im Krieg, aber auch seine schwindende Gesundheit verhinderte ein weiteres Erscheinen.
Die maßgebliche Gründerfigur des Zabergäuvereins hatte 17 Jahre lang erst die Mitteilungsblätter als Beilage im Zaberboten und seit 1902 die Vierteljahreshefte im Eigenverlag des Vereins herausgegeben. Die Heimatgeschichtsschreibung des Zabergäus verdankt ihm und seinen Mitautoren viele wertvolle Beiträge, von denen nicht wenige noch heute Gültigkeit haben.
In unserer Zeitschrift würdigte Lioba Keller-Drescher in ihrem Beitrag „Verein, Region und Wissen im 19. Jahrhundert“ August Holder als frühen Aktivisten einer sich entwickelnden zukünftigen wissenschaftlichen Landeskunde und schreibt: „… Holder ist einer der Lehrer, die heimat- und volkskundliches Wissen zwischen Schulbildung und Wissenschaft in einer populären Form zu bearbeiten versuchen …“.
August Holder war weithin vernetzt und er hatte keine Berührungsängste mit der akademischen Welt, ja er brachte sich dort selbst mit seinen Arbeiten zur Dialektliteratur und zum Thema Ortschroniken ein. Dabei zeigt sich in den Vierteljahresheften des Zabergäuvereins bei seinen wiederkehrenden Betrachtungen zur Aufgabe und zur Stellung der Heimatgeschichte, dass er sich nicht nur als fleißiger Sammler von Überlieferungen und von geschichtlichen und sprachlichen Zeugnissen verstand – zur Vergrößerung der Wissensbasis für die Forschung -, sondern sich auch immer wissenschaftstheoretische Gedanken machte zur Einordnung der heimatgeschichtlichen Aktivitäten vor Ort in das geschichtliche Ganze und in den Wissenschaftsbetrieb der Landesgeschichtsschreibung.
In seiner Geburtsgemeinde Kohlberg wird in einer Veranstaltung im Rahmen des zweiten Mundartstammtisches am 31. August 2018 an seinen 100. Todestag erinnert. Auch die Mitglieder des Zabergäuvereins sind hierzu herzlich eingeladen.

Erinnerung an die Gründung vor 225 Jahren

Am 22.10.2013 konnten wir in der Bietigheimer Zeitung folgendes lesen:

Rund 50 Mitglieder und Freunde konnte der Vorsitzende des Zabergäuvereins, Uli Peter, an dem Ort begrüßen, wo ab 11. Juli 1788 "einiger Adel und Honoratioren der umherliegenden Städtchen und anderer Orte" an Sonn- und Feiertagen zusammenkamen. Revolutionär war: "Die Gesellschaft ist für Jedermann, Herrn und Frauenzimmer, offen." (Schwäbische Chronik von 1788). Vormittags führten Bürgermeister Rainer Schäuffele und Siegfried Bähr von den "Schwarzen Jägern 1799" die interessierten Besucher durch Erligheim, den ursprünglich von Landwirtschaft und Weinbau geprägten Ort. Heute zählt die Gemeinde 2.750 Einwohner mit Handwerks- und Industriebetrieben und einer guten Grundausstattung öffentlicher Einrichtungen. "Besonders hervorzuheben ist das einmalige städtebauliche Ensemble Bürgerhaus Vordere Kelter, Evangelische Johanneskirche und Altes Rathaus mit angebautem Backhaus, alles unter Denkmalschutz stehend." Geschichtlich bedeutend ist unter anderem, dass 1785 die kurmainzischen Besitzungen Bönnigheim, Erligheim und Neu-Cleebronn an Württemberg verkauft wurden. Die Gründung der "Öffentlichen Gesellschaft zu Erligheim", die bald danach "Zabergäugellschaft" genannt wurde, sollte die alt- und neuwürttembergischen Orte näher zusammenbringen. Der genannte geschichtliche Akt wurde am Nachmittag szenisch dargestellt. Kurt Sartorius hat den Wirt Scheuerlen vom Grünen Baum, die Oberamtmänner Braun aus Güglingen und Neef aus Brackenheim, den Stadtschreiber Sußdorf aus Bönnigheim und den Gutsbesitzer Gaum vom Katharienplaisir aus dem Jahre 1788 wieder auferstehen lassen und in lebhafte Diskussionen verstrickt: "Gut gefahren sind wir mit dem Graf Stadion von Mainz, bloß isch er katholisch gwese und hat wieder dkatholisch Kirch auf em Michaelsberg eingführt." Händel zwischen Katholischen und Evangelischen hat es damals öfter gegeben. Doch übereinstimmend lobten alle bei der Gründung der "Zabergäugesellschaft", dass nun die vielen Schlagbäume gefallen seien. Für Bönnigheim und Erligheim waren Meimsheim, Löchgau, Brackenheim und andere Orte nicht mehr Ausland. Von Neu- nach Altcleebronn konnte man ohne Zollschranken überwechseln. Beim dritten Programmpunkt für die besondere Jubiläumsfeier hat Dr. Lioba Keller-Drescher vom Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Tübingen, in ihrem Festvortrag "Bürger, Pfarrer und Gelehrte, Region und Wissen im 19.Jahrhundert - zur Geschichte regionaler historischer und heimatkundlicher Vereine in Württemberg" fundiert Zusammenhänge aufgezeigt. Für sie erwächst aus der zunehmenden Weltkenntnis im 19. Jahrhundert der Rückblick auf die Region. Der Aufruf zur Erforschung der Heimat mündete nicht selten im Lob der Heimat. Naturerforschung und Geselligkeit kamen hinzu. Versammlungen waren erstmals zugelassen. 1841 als der Theologe, Wissenschaftler und Heimatforscher Karl Klunzinger, Stadtpfarrer in Güglingen, 1841 den "Altertumsverein" im Zabergäu gründete, war dies eine Hinwendung zur geschichtsträchtigen Region. Man war schon wer, ehe Stuttgart da war. Mit August Holder, wieder aus Erligheim, schließt sich der Kreis mit der Idee des Regionalen. Er wurde 1899 Mitbegründer des Zabergäuvereins und bald Schriftleiter der "Vierteljahreshefte" des Zabergäuvereins, heute "Zeitschrift des Zabergäuvereins".