Hermann Krauß – Als kleiner Mann im großen Zwanzigsten Jahrhundert (Vortrag von Horst Seizinger, gehalten am 27. Dezember 2011 im Güglinger Ratssaal)

Am 27.Dezember 1899 wurde die Satzung unseres Zabergäuvereins angenommen. Deshalb feiern wir seit 1999 diesen Tag und heben besondere Ergebnisse unserer Forschungen oder herausregende Persönlichkeiten in der Geschichte unseres Vereins heraus.

War es im letzten Jahr Dr. Karl Lang, so ist es dieses Jahr Hermann Krauß (H.K.), geb. 1904 in Itzelberg, gest. fast 100- jährig in Brackenheim. Er war nicht nur langjähriger Schriftführer und verdientes Ehrenmitglied unseres Vereins sondern auch Bundesverdienstkreuzträger und Ehrenbürger der Stadt Güglingen. Ein Teil seiner insgesamt 11 Bücher und kleineren Schriften sind überschrieben mit: „Als kleiner Mann im großen Zwanzigsten Jahrhundert“. Auch ich habe dies als Titel für meinen Vortrag gewählt, weil man kaum besser in einem Teilsatz sein Wesen und das, was er zu bewältigen hatte, würdigen kann.

„So geht es eben einem kleinen Mann; er bekommt immer nur winzige Ausschnitte zu Gesicht, und damit muss er leben und auskommen, notfalls auch überleben in einer kalten und gnadenlosen Zeit, in welcher immer andere versuchen, mit Hilfe der kleinen Leute zu herrschen und zu regieren.

Mein außerordentlich bewegtes Jahrhundert habe ich nicht von hoher Warte aus erlebt, nicht mit weit aufgeschlagenem Horizont und nicht an irgendwelchen Schalthebeln der Macht oder auf sonstigen Kommandohöhen.

Mein Lebensweg war lang genug ganz dicht am Boden angesiedelt und als Kriegsgefangener sozusagen im Kehrrichthaufen der Weltgeschichte, und als einzelner war ich oft genug macht- und hilflos dem Ermessen, der Willkür oder der Gnade anderer überantwortet und ausgeliefert.“ ( 90. Geburtstag, S.39).

Vier grundverschiedene Regime hat er durchleben und durchleiden müssen. 1904 wurde er im Kaiserreich im damals kleinen Dorf Itzelberg, heute zu Heidenheim gehörend, geboren. Der Junge besuchte die einklassige Dorfschule. Seine Eltern mussten hart arbeiten, konnten aber wenigstens 2 ihrer 3 wohl begabten Kindern den Besuch der Oberrealschule in Heidenheim ermöglichen. Mit 16 Jahren kam Hermann ins Lehrerseminar nach Backnang, das er 6 Jahre später beenden konnte. Doch das Jahr 1926 brachte die große Inflation. Die Aussicht für H.K., in den Lehrerberuf einsteigen zu können, war nicht gegeben. Er stand wie „alle seine Kameraden vor dem beruflichen Nichts.“ Sein sehnlicher Wunsch, an der Musikhochschule oder Uni Tübingen zu studieren, musste scheitern, weil seine Eltern, die zu ständiger Kurzarbeit verdammt waren, ihn nicht unterstützen konnten. Es bot sich eine Gelegenheit, im Büro der Heidenheimer Tageszeitung, dem „Grenzboten“ unterzukommen. Durch einen Zufall – der Musikredakteur hatte gekündigt- wurde ihm die Musikberichterstattung übertragen. Dem jungen Redakteur brachte diese Arbeit einmalige musikalische Eindrücke, doch musste er hohen Einsatz bringen, denn mit dem Fahrrad oder dem Zug war er oft spätabends unterwegs und musste morgens mit dem Bericht wieder zur Stelle sein. Dass ihm 1928 beim „Grenzboten“ ein 5-Jahresvertrag angeboten wurde, würdigte seine Arbeit. Er lehnte aber ab. Beigetragen hat wohl damals seine Gesinnung. Er schreibt: „Der Chef stand rechts, doch seine ganze Belegschaft war links eingeschworen....1933 wurde der „Grenzbote“ das NS-Blatt für den Kreis Heidenheim.“ (Begegnungen S. 13).

Als Schulpraktikant begann dann H.K.1928 in Königsbronn und in Ebersbach/Fils. Schon ein Jahr später wurde er als Musiklehrer ans Lehrerseminar Künzelsau berufen und war dort bis 1932, in einer Zeit, in der der Nationalsozialismus großen Zulauf bekam. Ganz offensichtlich hat sich Krauß damals schon mit seiner Zuwendung zur Musik eine Nische geschaffen, die ihm zeitlebens erhalten blieb, auch wenn er in den furchtbaren Zwängen des Krieges und der Gefangenschaft von dieser Quelle fast abgeschnitten wurde.

1931 heiratete Hermann Kraus eine Landsmännin aus Königsbronn. Vor knapp 80 Jahren, im April 1932 führte dann der Lebensweg die beiden von der Ostalb hierher nach Güglingen ins Zabergäu. Wenige Monate später kam Hitler an die Macht. „Unter dem Hakenkreuz“ hat er im Teil III diesen 1. Abschnitt seiner Erinnerungen an die prägende und erschütternde Zeit des Nationalsozialismus überschrieben. Bis zu seinem Lebensende sollte ihn dieses Geschehen nicht mehr loslassen. In sein Erinnerungsbuch von der Entwicklung im Zabergäu und der in Güglingen im besonderen, lässt er immer wieder geschickt das Weltgeschehen einfließen. Es ist bis heute ein übersichtlich gestaltetes Lesebuch zur Zeitgeschichte.

Krauß verschweigt nicht, dass auch er sich bis zu einem gewissen Grad von der Partei hat vereinnahmen lassen. Er war Rechner der NSV. „..die allerwenigsten –mich selbst eingeschlossen- besaßen so viel Mut, Selbstverleugnung und Opferbereitschaft, sich mit der gefürchteten Gestapo anzulegen, um als Held und Märtyrer in die Geschichte einzugehen“ (Teil III, S. 148). Der Rückzug zur Musik, zur Religion lassen deutlich seine innere Emigration erkennen. Gesangvereinsdirigent zu sein, war ihm eine Freude. Viele große Musikveranstaltungen, darunter 1937 das 100 –jährige Jubiläum des Liederkranzes Güglingen mit der Musikkapelle des Infanterieregiments 34 aus Heilbronn, fanden unter seiner Regie statt.

Sein Amt als Organist und als Dirigent des Kirchenchors waren deutliche Signale gegen den NS- Staat. Auch hier konnte er mit großen Kirchenkonzerten aufwarten. 1933 etwa wurden Teile aus dem Messias und dem Weihnachtsoratorium mit Albert Barth in Güglingen aufgeführt. Doch eines Tages wurde ihm vom Kreisamtsleiter der NSDAP eröffnet, er hätte „jetzt die Leitung des Kirchenchores sowie den Organistendienst aufzugeben, weil seine kirchlichen Tätigkeiten mit seinem Amt als Kassenverwalter der NSV nicht länger zu vereinbaren seien. ... Ich antwortete ihm schlicht, dass ich meine religiöse Überzeugung nicht wechseln könne wie ein schmutziges Hemd. Damit fand die Unterredung ein rasches Ende,“ (III, S.175 f). Schon am darauffolgenden Sonntag, am 18.Jan.1942, – er saß gerade auf der Orgelbank - brachte ihm seine Frau den Stellungsbefehl. 4 Tage später, am 22. Jan.1942, musste H. K. seinen Dienst in der Schlieffenkaserne in HN antreten. Die Einkleidung erfolgte, am nächsten Tag ging’s nach Frankreich. Dort begann mitten im Winter die Ausbildung. Diese Zeit fasst H.K. so zusammen: „Darüber will ich nicht viel Worte verlieren. Wer dies mitgemacht hat, weiß Bescheid und wer davon verschont geblieben ist, wird kaum verstehen, wie viel Menschenverachtung dabei zu beobachten ist“ (IV, S. 3). Mit 38 Jahren hatte H.K. ja beruflich und im Ehrenamt inzwischen Beachtliches geleistet, hatte im musikalischen Leben der Stadt Güglingen bedeutende und nachhaltige Akzente gesetzt. So hat dieser musisch gebildete, sensible Mensch unter dem rauhen Kommisston sicher besonders gelitten. Zudem war er verwundert über den „Hass, welcher ... den sog. Intellektuellen durch die Ausbilder entgegenschlug“ (IV, S.5). Ende März war seine – heute würden wir sagen „Grundausbildung“ - abgeschlossen. Mit ein paar andern Kameraden kam er nun zum Verpflegungsamt der Division. Er wird diese Dienststelle bis fast zum Kriegsende beibehalten. Dies klingt nicht nach gefährlichem Kriegseinsatz, nach ständiger Bedrohung. Doch es täuscht, denn 1943 /44 wurde die Situation ständig kritischer. Die Überfälle der „Resistance“ gegen die deutschen Besatzer häuften sich und trafen oft den Nachschub. Wiederholt quälten H.K. zudem sehr schwere Gallenkoliken. Doch wenigstens spielten im harten Kommissalltag die überzeugten Nazis nicht mehr die beherrschende Rolle wie im Zivilleben. Aber einmal wurde für ihn eine Situation gefährlich. Ein Brief an seine Frau wurde zensiert. Aus dem Inhalt: „Der Durchbruch bei Avranches wird verheerende Folgen haben. Auf der andern Seite ist es aber ganz gut, wenn gewisse Herrschaften in ihrem satten Hinterlandleben einmal ganz gewaltig aufgescheucht werden.“ ( IV, S. 112 f). Der Zensor übergab den Brief dem Vorgesetzten von H.K. Nach einer deutlichen Verwarnung warf dieser den Brief und das Schreiben des Zensors in den Papierkorb. So wurde er durch einen ihm wohlgesonnenen Vorgesetzten vor dem Kriegsgericht wegen Wehrkraftzersetzung bewahrt. Die Konsequenz Strafkompanie oder Tod durch Erschießen wäre ggf. nicht auszuschließen gewesen.

Im Januar 1944 wurde H.K. nach Italien verlegt. Die Übermacht der Alliierten wuchs ständig. „Dazu lauerten um uns und neben uns allüberall Partisanen auf ihre Stunde, um ein verhasstes Joch abzuschütteln. In einem solch entsetzlichen Dilemma mussten wir unseren Dienst erfüllen.“ ( IV, S. 109).

„Nach den Weihnachtstagen 1944 brach die große russische Offensive los, welche den gesamten Mittelabschnitt zum Einsturz brachte.“ ( IV, S.114). „Verlegung an die Ostfront“ lautete der neue Befehl. Wie für die Soldaten der Befehl wirkte, ist kaum zu beschreiben, er glich für sie einem Todesurteil. Von 4 engen etwa gleichaltrigen Kameraden, die bis dahin mit ihm durchgekommen waren, hat er am Ende als einziger Krieg und Gefangenschaft überlebt. Knapp dem Tod entronnen ist er unterwegs zur Ostfront, als in einem Deckungsloch sich ein „großes Ziegelstück, welches ihm dicht über Kopf und Rücken vorbeigeflogen ist“ (IV, S.124) unmittelbar neben ihm in die Erde gebohrt hat.

In der Tschechoslowakei bei Mährisch- Ostrau endete der Marsch nach Osten. Während Deutschland kapituliert hatte, hofften nun die Soldaten nach Westen zu kommen. K. traf in der endlosen Kolonne auch den Uhrmachermeister Gustav Feucht, Schwiegersohn von Bg. Arnold, aus Güglingen, der sagte, was alle hofften: „Krauß, wir haben den Krieg überstanden, jetzt sind wir bald daheim“. (V, S.19). Die Hoffnung war von kurzer Dauer. Bald war nämlich die riesige Kolonne von sowjetischen Panzern eingerahmt. Die deutschen Soldaten wurden auf einer Wiese zusammengetrieben und ein Dolmetscher übersetzte die Ansprache eines russischen Offiziers: „Wir alle miteinander seien an diesem Krieg schuldig gewesen und damit auch für alle entstandenen Schäden und Verluste haftbar. Wir würden jetzt daher alle nach Sibirien zur Zwangsarbeit abtransportiert.“ ( V S. 22).

Der Weg in die Gefangenschaft war damit bestimmt. Doch H.K. war entschlossen, die Flucht zu wagen. Nach wenigen „seltsam- süßen Freiheitstagen in den böhmischen Wäldern (geriet er) zum zweiten Male in Gefangenschaft, und diesmal fiel die Tür endgültig zu.“ ( V, S.37). Zuvor hatte ihn ein Schutzengel vor Schüssen der Tschechen, die Jagd auf versprengte deutsche Soldaten machten, 2 m neben seinem Versteck gerade noch bewahrt. Er gehörte jetzt zu den „Woina-Plenni, den Kriegsgefangenen, den Arbeitssklaven der Sieger.( V S.44). Im Lager Saratow an der Wolga, das liegt nördlich von Stalingrad, endete die wochenlange Fahrt zusammengepfercht in Güterwaggons bei Hunger, Durst, Hitze und völliger Ungewissheit bis „wir endlich kapiert hatten ...wir waren ja keine Menschen mehr, wir waren nur noch der schäbige Überrest des Krieges, ein menschlicher Kehrrichthaufen.“ (V, S. 50).

Zunächst gab es da die sehr schwere Arbeit des Holzfällers, die Verladung der riesigen Stämme bei keinem ausreichenden Schutz gegen die eisige Kälte. Einen Ruhetag gab es nicht. Der Hunger war ständiger Begleiter. Bei Nichterfüllung der Norm wurde die Brotration zusätzlich herabgesetzt. Schließlich wurde Anfang November das eingeschneite Waldlager aufgelöst. Völlig erschöpft und fast erblindet kamen H.K. und andere ins Krankenrevier. Nach dem Lazarettaufenthalt war eine Sowchose seine neue Arbeitstelle. Die Hoffnung, als Landarbeiter müsste die Verpflegung eher ausreichen, war ein Trugschluss. „Damit hatten wir uns gründlich verrechnet. Dafür aber wartete viel Arbeit auf uns.“( V S.94), Hatten schon die Russen nicht genug zu essen, so gab es für die Gefangenen noch viel weniger. Schussbereite Russinnen mit Gewehren bewachten die Gärtnereien, Gefangene mit Prügeln die Kapustafelder (Krautfelder). Später musste H.K. in einer Waggon-Fabrik unter schwierigsten Bedingungen arbeiten. „Brot stand (weiter) im Mittelpunkt bei Gefangenen und Zivilisten. Damals lebten wir mit einer Art Brotwährung.“ (V, S.178).

Härteste Arbeit, ständiger Hunger, Krankheit sind die eine Seite, bescheidene Zeichen der Menschlichkeit und Hoffnung die andere. „Lebenszeichen“ ist das Kapitel überschrieben, in dem H.K. schildert, wie ihn die erste Post von Deutschland erreicht. „Man kann nicht beschreiben, wie eine solche Nachricht wirkt, wenn man über 1 Jahr lang in quälender Ungewissheit gelebt hat.“ (V, S.116). Seine Frau lebte und ebenso alle seine Angehörigen. Sein Bruder Karl, Soldat der 6. Armee, war unmittelbar vor dem Marsch nach Stalingrad ins Lazarett gekommen und damit wohl dem Tod entronnen. Er war inzwischen aus russischer Gefangenschaft entlassen worden. Doch hatten die Angehörigen von K. lediglich erfahren, dass er lebt, mehr durfte anfangs nicht geschrieben werden. Erst später war es möglich, in großen Abständen Postkarten zu schreiben und zu empfangen. In winzig kleiner Schrift schrieb er die Karten, die noch erhalten sind. Einmal brachte er so auf wenig Platz relativ viel Text unter, zum andern hoffte er, dass sich die Zensoren wohl nicht die Mühe machen, sich durch die winzigen Zeichen durchzubeißen. So gelang es in sehr begrenztem Umfang seine Lage zu schildern.

Nun sei etwas mehr über die Lazarettaufenthalte im Lager berichtet. Es wundert uns nicht, dass H.K. unter dieser schweren Arbeit und unter diesen Bedingungen, die viele nicht überlebt haben, wiederholt so schwerkrank wurde, dass er ins Lazarett des Lagers kam. Zur Entkräftung kamen trotz Mangelernährung weiterhin Gallenkoliken hinzu. Schwere Fieberschübe suchten ihn heim. Bei fehlenden Vitaminen wurde er einmal fast blind. Im Lazarett gab es noch weniger zu essen als bei den Arbeitskommandos. Man musste „als Kranker...die Erfahrung machen, dass sofort Stiefel und sonstige Bekleidung an arbeitenden Gefangene abgegeben werden mussten. ...Ein Kranker war aus der Produktion ausgeschieden und hat deshalb auch keine Ansprüche mehr zu stellen.“ (V, S.152). Doch im Krankenrevier des Waldlagers erlebte H.K. eine junge russische Ärztin. Sie war Jüdin. Er schreibt: „Sie musterte unseren Elendshaufen und kam dann auf mich zu, packte mich am Kittel und zog mich aus dem ganzen Haufen heraus ... Gott hat mir die Lagerärztin als Lebensretterin geschickt“. (IX, S. 29).

Im Nachhinein fragt H.K. in einem seiner Bücher sinngemäß: Wurde je ein russischer Gefangener in ein deutsches Lazarett oder Krankenhaus eingeliefert? Während nach den Recherchen von H.K.32,5 % deutsche Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern verstorben sind, sind 47,6 % der sowjetischen Gefangenen in deutscher Gefangenschaft verstorben oder wurden exekutiert.

Zum Überleben in Gefangenschaft zählt H. K. neben dem Essen bescheidene materielle Dinge, Werte und Haltungen und vor allem die Hoffnung auf Heimkehr auf. Wie wenig an Materiellem mit zum Überleben ausreichen kann, lehrt uns das heute im Archiv der Stadt Güglingen lagernde Überlebenskistchen von H.K. Drin ist seine Brille, ein kleines Messer, eine Streichholzschachtel mit einer Nadel, einem Stück Faden und Kleinteilen enthalten. Durch alle Zeiten hindurch unter schwierigsten Bedingungen konnte er das geschnitzte Kästchen, das in jede Tasche passte, retten. Niemals während der Gefangenschaft hatte es Brillengläser oder Gestelle gegeben. Ohne Brille wäre er als stark kurzsichtiger Mann hilflos gewesen. Für notwendige Reparaturen musste er mehrfach in Brotwährung bezahlen. Überlebt hat er zudem mit einem Schatz von Werten, die in ihm als gelernte Gedichte, als präsente Literatur und vor allem als reichhaltig gespeicherter Klang von Musik inne wohnten. Gab es vereinzelt Gespräche mit Mitgefangenen, ja sogar mit einem russischen Bewacher, dann kam das zum Tragen, wurde zur Überlebensstrategie und minderte das körperliche und seelische Elend.

Den schwer ergründbaren russischen Volkscharakter erlebte er u.a. so: „Wo z.B. verabreicht man einem Gefangenen zuerst eine Tracht Prügel, dann schenkt man ihm anschließend einen Laib Brot.. Wir erlebten ...Demütigungen und Leiden, aber auch eine unglaubliche Freigebigkeit... Auf der Straße trat ein alter Russe an uns heran, zerschnitt einen ganzen Laib Brot und verteilte die Stücke an unseren halbverhungerten Haufen.(V S.190f). Als Fazit schreibt H.K.: „Aber unter den maskenhaften Gesichtern (der Gefangenen) arbeiteten noch immer die Gedanken wie eh und je. Gewiss äußerlich waren wir Herdentiere geworden, scheinbar ohne Scham und Würde. Aber in uns lebte, was keine Gewalt, weder Hunger noch Demütigung austreiben konnten, die Gedanken an unsere nächsten Angehörigen, an unsere Heimat, an die ewigen Werte der europäischen Kultur.“ (V, S.207). Sicher galt diese Sichtweise nicht bei allen, aber H.K. hat sie in Krieg und Gefangenschaft trotz schwierigster Bedingungen nicht verlassen, hat sein Überleben mit möglich gemacht.

Hier kommt nun die Zäsur. Weimarer Republik, Vorkriegszeit im 3.Reich, Krieg und Gefangenschaft sind äußerlich abgeschlossen. Das russische Entlassungspapier trägt den Datumsstempel 20. Juni 1948. Für H.K. wirken die 6 ½ Jahre fern der Heimat nach. Zunächst versuchte er die schweren Albträume dadurch aufzuarbeiten, dass er sie für sich niederschrieb. Es blieb aber nicht dabei, es kam zu keiner inneren Emigration, zu keinem Rückzug aus der Gesellschaft. Seine Herzensbildung, seine Wertewelt, die Liebe zu Musik und Literatur, die Prägung durch die furchtbaren Erfahrungen der schrecklichen Nazidiktatur, die ihm Krieg und Gefangenschaft einbrachten, der Schutzengel, der ihn mehrfach vor dem Tod bewahrt hat, ließen ihn umso eifriger und aktiver in der 4. Staatsform seines Lebens, in der Bundesrepublik Deutschland und am Ende im wiedervereinigten Deutschland verantwortlich mitwirken und mitgestalten in seinem Lebenskreis, weiterhin als kleiner Mann im großen 20.Jahrhundert. Es sind dies die Schule, die Kommune, die Kirche und die Vereine. Wenn ich vom Krieg und von der Gefangenschaft wieder heimkehren darf, dann möchte ich aus Dankbarkeit der Gemeinschaft zurückgeben, was mir der Schöpfer als Gaben geschenkt hat. So war sein ehrenamtlicher Dienst im Gesangverein und im Organistenamt Konsequenz dessen, was er sich geschworen hatte. Besonders aus dem Erleben der Vergangenheit wird die Sorge um die Zukunft ihn bis zum Lebensende prägen.

Beruflich darf er wieder Fuß fassen. Schulleiter war damals Karl Krafft, den H.K. schon von seiner Zeit als Musiklehrer in Künzelsau kannte. Die Schulraumnot war immens, Schichtunterricht gab es teilweise. Kinder von Flüchtlingen und Vertriebenen kamen hinzu. Die Mittelschule Güglingen wurde gegründet. Bald wurde der Lehrer K. zum Schulleiter der Volkschule befördert, zeitweise hatte er die Mittelschule noch mit zu betreuen. In dieser Zeit wurde am Wilhelm-Arnold-Platz ein neues Gebäude für die Volksschule erstellt, die Mittelschule bekam ein eigenes Domizil. Doch bis zu seiner Pensionierung 1970 zwang die rasch wachsende Schülerzahl an beiden Schularten ständig zur Improvisation. Sitzungssaal im Rathaus, Raum im „Milchhäusle“, Schulgebäude Maulbronner Straße, Schulungsraum der Feuerwehr, – überall wurde unterrichtet, bis 1971/72 mit dem 1.Bauabschnitt in der Weinsteige spürbare Entlastung kam. Neue Herausforderungen kamen hinzu. In die Schülerbeförderung war die Schulleitung entscheidend eingebunden. Zunächst vereinzelt, dann in großem Stil, mussten ausländische Schüler integriert werden. H.K. aus seinem Erleben heraus hat sich hier besonders der Verantwortung gestellt. Er schildert, wie ein besorgter Vater aus Slowenien seinen kleinen Sohn zum Eintritt in die Volksschule anmeldet– ohne Deutschkenntnisse. In besonderer Weise kümmerte sich - das war wirklich alles andere als selbstverständlich - H.K. um diesen Buben. Heute ist Professor Dr. Darko Heimbring Leiter des Bischof-Neumann-Gymnasiums in Königsstein, hat seinen Lehrer H.K. nie vergessen, hat sich für den Geschichtsunterricht bei ihm bedankt, hat ihn mehrfach besucht. Als Lehrer wurde H.K. nicht müde, die Schüler zu ermahnen, aus der unheilvollen Geschichte zu lernen.

Der Spätheimkehrer H.K. steigt wieder im Gesangverein ehrenamtlich ganz ohne eine irgendwie festgelegte Entschädigung als Dirigent ein. Bald schon gelingt es, an die Höhepunkte der Vorkriegszeit anzuknüpfen. Schon 1952 schafft es der begnadete Dirigent die Winzerliesel erneut aufzuführen. 1962 wird das 125- jährige Jubiläum mit Solisten und Orchester aus Stuttgart unter seiner Gesamtleitung zu einem Musikerlebnis, über das noch nach Jahrzehnten gesprochen wurde. Bis ins hohe Alter ist er mit viel Freude Dirigent des Gesangvereins Liederkranz und fördert in ganz besonderer Weise auch manche Talente, etwa Renate Wegner- sie verdient es genannt zu werden-, die wir in Güglingen alle als unwahrscheinlich motivierte Gestalterin kennen. Auch in ihrem Sohn Marko Wegner, ebenfalls begabter Musiker und heute Lehrer an der Realschule, sah H.K. einen würdigen und kompetenten Nachfolger im Organistendienst, der die vielfältige Musikliteratur von H.K. als wertvolle Fundgrube sieht.

Als H.K. nicht mehr aktiv als Dirigent tätig war, wurde er zum Berichterstatter über alle bedeutenden musikalischen Ereignisse in Güglingen. Sage und schreibe, zwischen Dezember 1982 und Dezember 1991 gibt es 41 Berichte mit Namen wie Württ. Kammerorchester, Anneliese Rothenberger, Wiener Sängerknaben, Lehrersinfonieorchester u.v.a., deren Auftritte H.K. erlebt und beschrieben hat.

Auch das Organistenamt, das H.K. im 3.Reich u.a. die Einberufung gebracht hatte, nahm er, wie er sich es selbst geschworen hatte, nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft wieder auf und saß Sonntag für Sonntag ehrenamtlich auf der Orgelbank. – Ja, bis die Erneuerung der Kirche kam. Nach Auskunft von Fachleuten, so die damalige Expertise, sei die Orgel in so schlechtem Zustand, dass sich eine Instandsetzung nicht mehr lohne. Es war die Orgel, auf der H.K. von 1932 mit Unterbrechung von Krieg und Gefangenschaft bis 1976 gespielt hatte. Bitter enttäuscht hat ihn seine Kirchengemeinde, er prägte das böse Wort „Orgelkiller“. Diese Wunde ist ihm innerlich zeitlebens geblieben.

Schließlich wurde er aktives Mitglied im Schwäbischen Albverein und führte seine Wanderfreunde wiederholt in seiner angestammten Heimat, der Ostalb. Auf kommunaler Ebene war ihm die Mitwirkung im Gemeinderat eine Selbstverständlichkeit, er wurde mit hoher Stimmenzahl wiederholt gewählt. Aus der Verabschiedung von Oskar Volk und der Einsetzung seines Sohnes Manfred als Bürgermeister ist noch eine Tonbandaufnahme erhalten, aus der ich einige Sätze vorspielen möchte, weil sie auch gemeinsame Denkweisen widerspiegelt.

- TONBANDEINSPIELUNG -

Wir im Zabergäuverein dürfen unser Ehrenmitglied zu den großen Persönlichkeiten unseres Vereins zählen. Die enge Verbindung mit Dr. Otto Linck, Dr. Gerhard Aßfahl, Oskar Volk und anderen bedeutenden Persönlichkeiten unseres Vereins war ein Glücksfall. Vom 60. Geburtstag bis zum Nachruf 1986 ist allein Dr. Otto Linck 5 x von Kraus gewürdigt worden. Die handschriftlichen Aufzeichnungen von H.K. über die Jahre 1900 – 1983 geben allein Stoff für einen abendfüllenden Vortrag her. Lange müsste man auf Wikipedia, in Ratsprotokollen und in Vereinsakten suchen, bis man Vergleichbares beieinander hätte. Ich habe mal zusammengezählt, wie viel einzelne Berichte er in der Zeitschrift des Zabergäuvereins, in der Rundschau, in der H.St. geschrieben hat und bin auf knapp 200 gekommen. Mit nur 2 Beispielen reise ich die Bandbreite seines Schreibens an: „Im Umfeld des 2. Weltkriegs und sonstige Aufsätze zur Zeitgeschichte, Güglingen nach der Währungsreform“ Niemand hat sich so umfassend mit der Geschichte des 3. Reiches, deren Folgen und der Nachkriegsgeschichte in unserem Vereinsgebiet auseinandergesetzt und seine Recherchen und Gedanken in Büchern, Aufsätzen unserer Zeitschrift, Leserbriefen, Eingaben an Regierungsstellen, Organisationen, in Tonbandaufnahmen usw. festgehalten. Er hat in Aufzeichnungen der Rathäuser geforscht, Gespräche geführt mit Zeitzeugen, mit ehemaligen Soldaten, mit Vertriebenen und Betriebsinhabern, um nur einige zu nennen. Wiederholt wird offenbar, welches Einfühlungsvermögen H.K. den Flüchtlingen und Vertriebenen, den  Spätaussiedlern entgegenbringt, die ja alle ohne Schuld in schlimmste Turbulenzen des Jahrhunderts geraten sind. Uns alle, die wir Wegbegleiter waren, hat er immer wieder gemahnt, dies und jenes aufzuarbeiten, aus der Geschichte zu lernen. Dass wir einen solchen Chronisten in unseren Reihen hatten, darf uns mit Stolz erfüllen.

Nach den furchtbaren Morden durch Rechtsradikale, die in den letzten Monaten alle tief erschüttert haben, wird deutlich wie nie zuvor, wie H. K. auch geradezu visionär vor dem braunen Sumpf gewarnt hat. Es gibt kaum ein Thema, das er ausgespart hat. Geärgert hat ihn, dass es nicht gelungen ist, bei manchen örtlichen Begebenheiten im 3.Reich nicht Ross und Reiter nennen zu können. Auch von uns Mitgliedern aus dem Zabergäuverein hat er am Schluss seines Lebens viel mehr Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte gefordert. Im Alter war er in dieser Hinsicht wohl zu fixiert auf seine Sichtweise, doch die Mahnung, sich mit dem unheilvollen Nationalsozialismus auseinander zu setzen, wird Auftrag unseres Vereins bleiben.

Ehe ich zum Schluss komme sei noch die Bereitschaft von H.K. bis ins hohe Alter hinein zu lernen, herausgestellt. Mit 99 Jahren hat er seine letzten Aufzeichnungen festgehalten, wenige Monate zuvor noch Tonbänder besprochen. Vom 94- Jährigen steht in der Heilbronner Stimme: „ ,Das ist wie ein Geisterdings.’ Sagt’s, rückt den Bürostuhl näher an den Bildschirm und drückt aufs Powerknöpfchen. Die Kiste brummt. H.K. greift zur Maus. Der 94-jährige Güglinger ist begeisterter Computerfreak.“ (H.St. vom 04.09.1999). Wer schon arbeitet sich mit weit über 90 Jahren in die Computerwelt ein?

Ich habe versucht, diesen kleinen Mann im großen Zwanzigsten Jahrhundert darzustellen. Klein war er zwar von seiner Körperstatur her, klein war er, wenn man ihn in seiner Bescheidenheit kennen lernen durfte, doch groß war nicht nur das Jahrhundert, das er durch- und erleben durfte, musste. Groß ist, was er im Gesangverein seiner Zeit bewegt hat und was er als treuer und zuverlässiger Organist für die Kirchengemeinde gewesen ist. Von großer Verantwortung getragen war sein Wirken für die Stadt und die Schule in einer Zeit, in der es gewaltige und teilweise völlig neue Herausforderungen gab. Bleibendes und Großes hat er unserem Verein mit seinen vielfältigen schriftlichen Zeugnissen hinterlassen. Und schließlich groß ist seine persönliches Ausstrahlung auf alle die, die ihm begegnen durften und sein Vermächtnis, die ungeheure Dichte, mit der er uns in besondere Weise die Augen geöffnet hat vor der menschenverachtenden Nazidiktatur.

Dass Hermann Krauß vor nunmehr rd. 80 Jahren ins Zabergäu gekommen ist, dass er hier in geistiger Regsamkeit recht alt werden durfte, dürfen wir als besonderen Glücksfall für Güglingen und darüber hinaus in vielfacher Hinsicht sehen, auch als Vermächtnis für unseren Zabergäuverein.

- TONBANDEINSPIELUNG -

Literatur:

Hermann Krauß Als kleiner Mann im großen Zwanzigsten Jahrhundert Tei III Unter dem Hakenkreuz, Güglingen 1996 Teil IV Als Soldat, Güglingen Teil V Drei Jahre in Russland gefangen, Güglingen 1997 Zum 90. Geburtstag, Güglingen 1994 Band XI Begegnungen, Güglingen 2002